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Interview mit Stephanie Jung

Moment der Zeit, der zu verblassen scheint..

"Mir geht es in erster Linie um die Themen Zeit und Vergänglichkeit... meine Arbeiten sind Momentaufnahmen mitten aus dem Leben... ich möchte jedoch mehr zeigen, genauer auf diesen Moment eingehen, zeigen, dass er einzigartig und vergänglich ist... Man hat einen zentralen Moment, der im Fokus steht, der aber gleichzeitig auch zu verblassen scheint, so wie es im wirklichen Leben auch der Fall ist."

 

 

Stephanie Jung, freischaffende Fotokünstlerin, Berlin /DE

 


Hallo Stephanie, beginnen wir mit einer unvermeidbaren Frage: Wann ist Deine Interesse für

Fotografie entbrannt?

 

Angefangen hat alles ziemlich früh, ich war schon als Kind am Fotografieren interessiert, da mein Vater ein begeisterter Hobbyfotograf war. Mit 16 Jahren habe ich dann angefangen, mich ernsthaft damit zu beschäftigen, als ich mir meine erste Bridgekamera zulegte und somit mehr gestalterische Möglichkeiten hatte. Zu der Zeit entdeckte ich auch die Bildbearbeitung für mich und habe sehr viel damit experimentiert, was ich über die Jahre dann noch vertieft habe.

 

Sprechen wir mal über deine Serie "Cities".. Ich würde die Bilder so beschreiben: sie sind, vordergründig gesehen, Reportagen, Momentaufnahmen alltäglicher Straßen- und Ansichten von Städten. Optische Dynamik entsteht erst durch deine visuelle Interpretation: durch die Technik des Schichtens erzeugst Du einen Betrachtungsraum, dem sich der Zuschauer aus einer konzentrierten Sicht den Orten nähern kann. Die Momentaufnahme, insbesondere eine darin erhaltene Erinnerung verblasst... Im Auge des Betrachters wird alles gedehnt und in die Unendlichkeit verlängert... Mit anderen Worten, mit deiner Sichtweise werden Zeit und Raum interpretiert... Was ist deine Vision, dein Ansatz im Allgemeinen?

 

Mir geht es in erster Linie um die Themen „Zeit und Vergänglichkeit“, was du ja schon treffend formuliert hast. Meine Arbeiten sind Momentaufnahmen mitten aus dem Leben, oft geht es ja bei Fotografie darum, einen be- stimmten Moment einzufangen und ihn für die Ewigkeit festuzhalten. Ich möchte jedoch mehr zeigen, genauer auf diesen Moment eingehen, zeigen, dass er einzigartig und vergänglich ist. Dies drücke ich mithilfe der Ebenen-Technik aus. Man hat einen zentralen Moment, der im Fokus steht, der aber gleichzeitig auch zu verblassen scheint, so wie es im wirklichen Leben auch der Fall ist. Hinzu kommt gerade bei den Stadtaufnahmen noch die Hektik, die ich dem Betrachter vermitteln möchte, was durch die spezielle Technik noch verdeutlicht werden soll.

 

Ich merke, dass die Bilder Geschichten erzählen, die direkt aus dem Alltagsgeschehen herausgenommen sind... Die Technik der Mehrfachbelichtungen scheint auch das perfekte Medium zu sein, um diese Ideen  zu transportieren... aber mich interessiert der Prozess und die Absicht, die hinter solchen Entscheidungen steht... gibt es eine bestimmte Geschichte, die dich zu dienem Stil, deiner Darstellungstechnik geführt hat?

 

Es gab bestimmte Momente, die ausschlaggebend für meine Entscheidung waren, diese Technik zu verwenden. Zum einen während einer Reise nach Paris, als ich im La Defense Distrikt unterwegs war, mitten in der Hektik des dortigen Berufsalltags. Dort kam mir die Idee, eben diese Atmosphäre zu übertreiben, indem ich die Mehrfach-belichtung nutzte. Das habe ich danach allerdings nicht weiter vertieft, das Thema wurde erst einmal zur Seite geschoben. Erst als ich ein Jahr später in Japan war, wurde es wieder aktuell. Dort war ich so überwältigt von der Masse an Menschen, den riesengroßen Städten, die nie zu enden schienen. In solchen Städten spürt man das urbane Leben ganz besonders stark, umgeben von Menschenmassen merkt man auch, wie unbedeutend man plötzlich ist.

 

Auch kann man sagen, dass ich bestimmte Momente im Leben gerne festgehalten und länger erlebt hätte, was natürlich nicht möglich ist. Und genau diesen Prozess der Vergänglichkeit, den man ja nicht wirklich sehen bzw. fassen kann, möchte ich in meinen Bildern aufzeigen.

 

Nun ein paar Fragen zum Entstehungsprozess der Bilder konkret... zum einen, planst Du ein Werk, und hast eine bestimmte Vision oder enstehen deine Arbeiten intuitiv und Du fängst spontan mir der Kamera ein (und mit Hilfe der Kameratechnik), was Dir begegnet? Meine zweite Frage bezieht sich auf die Umsetzung und Nachbearbeitung, und zwar insofern, wie sich die ursprüngliche Idee auf die Nachbearbeitung am Computer auswirkt. Mit anderen Worten, weißt du bereits vorher, was Du visualisieren und auszudrücken möchtest, oder entwickelt sich dies während der Arbeit am Bild...?

 

Meine Bilder entstehen eher intuitiv. Oft ist es so, dass ich durch die Straßen einer Stadt ziehe und das fotografie- re, was dort gerade passiert, mitten aus dem Leben sozusagen. Dennoch habe ich dabei immer grob im Kopf, wie das fertige Bild aussehen soll. Manchmal habe ich auch schon versucht, ein Bild genau zu planen, aber das hat am Ende nicht funktioniert, einfach auch, weil es das Thema nicht richtig transportiert hat.

 

Dennoch weiß ich vorher schon in etwa, wie ich einen Moment visualisieren möchte, die Aussage steht vorher immer fest, nur die konkreten Motive nicht, die finde ich dann spontan. Allerdings entsteht nicht jedes Bild durch Mehrfachbelichtung direkt in der Kamera, manchmal nutze ich auch ausschließlich Photoshop,um den Effekt zu erzielen, oder auch beides kombiniert. Das ist wiederum von den Gegebenheiten vor Ort abhängig.

 

Was sind deine Erfahrungen im Bereich Mehrfach- und Langzeitbelichtungen.. gibt es ein Unterschied zwischen Tages- und Nacht- Licht bei dieser Technik, und welches favorisierst Du?

 

Unterschiede gibt es insofern, dass man bei Tageslicht eigentlich immer zum Überbelichten neigt, man die Bilder also generell unterbelichten muss, um ein optimales Foto zu erhalten. Dies ist bei Nachtaufnahmen nicht der Fall. Ich mag beide Tageszeiten sehr gerne, es kommt auch immer auf die Gegebenheiten an, nicht jedes Motiv wirkt bei Tages- bzw. Nachtlicht gleich. Generell kann ich aber sagen, dass ich die Farbintensität der Nachtaufnahmen sehr mag, gerade wenn in den Städten viele Lichter zu sehen sind, während Tageslicht oft auch flau wirken kann.

 

Werfen wir ein Blick auf deine Serien, da gibt es einige Richtungen, die Du gegangen bist — wie die Serie "Cityscapes", "Nature" Serie "Urban Movements" und andere — gibt es ein bestimmtes Thema, das diese verbindet oder ist der Ansatz von Serie zu Serie individuell?

 

Das Thema Vergänglichkeit verbindet alle Serien, auch wenn bei „Urban Movements“ eine andere Technik ver- wendet wurde, so stellt es doch auch Bewegung im Moment, im Leben dar. Der Ansatz ist also der Gleiche wie bei den Mehrfachbelichtungen. Eine gute Freundin und meine damalige Mentorin, von der ich sehr viel gelernt habe, hat mich immer nach meinem fotografischen Thema gefragt. Damals wusste ich es noch nicht und habe vieles ausprobiert und viel zu verkrampft überlegt, woran ich arbeiten konnte. Heute weiß ich ganz genau, was es ist und was ich ausdrücken möchte. Einfach das, was mich persönlich im Leben beschäftigt, das habe ich damals noch nicht gesehen.

 

Was sind deine Pläne für Fotografie in Zukunft? Möchtest Du Dein bisheriges Konzept beibehalten und auch in diesem Stil weiterarbeiten, oder gibt es eine oder mehrere Richtungen, die Du ausprobieren möchtest?

 

Ich möchte auf jeden Fall weiterhin in diesem Stil arbeiten, da es thematisch genau das ausdrückt, was mich im Leben bewegt. Außerdem ist es sehr wichtig für mich, sich mit einem speziellen Thema zu befassen und es weiter zu entwickeln. Allerdings habe ich auch angefangen, eine andere Richtung einzuschlagen, nämlich die Portrait- und People Fotografie, also das genaue Gegenteil von meinen bisherigen Arbeiten. Das finde ich sehr spannend und damit verbringe ich momentan viel Zeit. Ich finde es schön zu wissen, dass man immer wieder neue Dinge ausprobieren und sich viele Bereiche offen halten kann.

 

Vielen Dank, dass Du dir Zeit genommen hast für dieses Interview, hat mich sehr gefreut!

 

Interview mit Lena Weisbek, Dezember 2013

 

Ausstellungen:

 

 

Art Gallery Afk                                   Lissabon, Portugal 2012

"Snap! Motion to Light"                  Orlando, USA 2013

Salone del Mobile ( Metal Spot)     Mailand, Italien 2013

SoHo Arthouse Curioos                   New York, USA 2014

"Snap! Taking Flight"                       Orlando, USA 2014

 

Veröffentlichungen:

 

"A nous Paris" CD Cover,                Frankreich 2012

Fine Line Magazine, Issue 5            USA 2012

Get inspired Magazine                     Niederlande 2012

„Götterdämmerung“, Bayerische

Staatsoper, Programmheft             Deutschland 2012

Soma Records, CD Cover                 Schottland 2012

"Les Effondrés" von Mathieu

Larnaudie, Buchcover                      Frankreich 2013

Mologue Magazin                             Deutschland 2013

REVISTARQUIS Nr.5, Magazin         Costa Rica 2014

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